Jan 12

Dollarschiffchen

Autor: Andreas Mojzisch

Die Kreditaffäre um Christian Wulff hat nicht nur die Glaubwürdigkeit des aktuellen Bundespräsidenten beschädigt, sondern generell zu einer kontroversen Debatte geführt. Wie verändern Geld und Macht unser Erleben und Verhalten? Wie wirkt sich der sozioökonomische Status auf unsere Persönlichkeit aus? Verdirbt Geld den Charakter?

Bereits seit längerem ist bekannt, dass Menschen mit einem niedrigen sozio-ökonomischen Status sensibler auf externe Einflüsse reagieren, vor allem auf solche, die eine Bedrohung für sie darstellen könnten. Wie die neuere Forschung zeigt, hat diese Reaktion einen positiven Nebeneffekt, nämlich eine größere Empathiefähigkeit. D.h. Menschen mit einem niedrigeren sozio-ökonomischen Status zeigen mehr Empathie als Menschen mit einem hohen sozio-ökonomischen (Kraus et al., 2010). Natürlich gilt dies, wie in allen psychologischen Studien, nur für den Durchschnitt, d.h. nicht jeder, der über eine gute Ausbildung verfügt und im Chefsessel sitzt, ist deswegen weniger empathiefähig.

In einer ersten Studie unterteilten Kraus und seine Kollegen die Probanden dahingehend, ob sie einen College- oder nur einen High-School-Abschluss hatten. Mit einem standardisierten Test wurde dann untersucht, wie gut die Probanden die Emotionen anderer Menschen identifizieren konnten. Diese Fähigkeit wird als eine zentrale Komponente von Empathie betrachtet. Bei dem Test wurde den Probanden 20 Fotos gezeigt, auf denen eine Person eine Emotion durchlebte. Die Probanden sollten diese Emotion möglichst genau einschätzen. Wie vorhergesagt schnitten Probanden, die nur über einen High-School-Abschluss verfügten, signifikant besser ab als Probanden mit einem College-Abschluss. Dies zeigte sich auch dann, wenn der Effekt des Geschlechts (Frauen waren besser als Männer) statistisch kontrolliert wurde.

In einer zweiten Studie sollten sich die Probanden selbst hinsichtlich ihres sozio-ökonomischen Status einstufen, und es wurde überprüft, ob sich die Ergebnisse der ersten Studie auch auf eine Interaktion mit anderen Menschen übertragen lassen. Hierzu nahmen die Probanden jeweils zu zweit an einem fiktiven Einstellungsinterview teil. Dabei erhielt jeder von ihnen vom Versuchsleiter typische Bewerbungsfragen (z.B. Was betrachten sie als ihre größten Schwächen und Stärken?) Im Anschluss sollten die Probanden ihre eigenen Gefühle während des Interviews angeben und außerdem möglichst genau einschätzen, wie sich ihr Versuchspartner vermutlich während des Interviews gefühlt hatte. Erneut zeigte sich, dass Probanden mit niedrigem sozio-ökonomischen Status empathischer waren als Probanden mit hohem sozio-ökonomischen Status.

In einer weiteren Studie, die von Jennifer Stellar und ihren Kollegen (2011) durchgeführt wurde, zeigten die Forscher den Probanden zwei Videos. In einem Video erklärte eine Frau, wie man am besten eine Mauer baut, im zweiten Video sahen die Probanden eine Dokumentation über krebskranke Kinder bei der Chemotherapie. Das eine Video war somit neutral, während das andere Empathie auslösen sollte. Wieder zeigten die Probanden mit niedrigem sozio-ökonomischen Status am meisten Mitgefühl. Dieser Effekt spiegelte sich auch auf der physiologische Ebene wider: Bei den Probanden mit niedrigem sozio-ökonomischen Status verlangsamte sich bei der Betrachtung des emotionalen Videos der Herzschlag. Bei dieser Verlangsamung handelt es sich um eine Reaktion, die häufig dann aufritt, wenn wir beobachten, dass andere Menschen unsere Hilfe benötigen.

Zusammenfassend zeigen Menschen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status im Durchschnitt mehr Mitgefühl als Menschen mit hohem sozio-ökonomischen Status. Allerdings sind noch viele Fragen offen: Welche spezifischen Mechanismen sind zum Beispiel dafür verantwortlich, dass Menschen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status empathischer sind? Und welche Faktoren können erklären, dass es auch Menschen gibt, die sehr empathisch sind, gleichzeitig aber über eine gute Bildung verfügen und eine Führungsposition haben?

 

Literatur:

Kraus, M. W., Cote, S., & Keltner, D. (2010). Social class, contextualism, and empathic accuracy. Psychological Science, 21, 1716–1723.

Stellar, J., Manzo, V., Kraus, M., & Keltner, D. (2011). Class and compassion: Socioeconomic factors predict responses to suffering. Emotion, Dec 12. [Epub ahead of print]

Eine Antwort zu “Weniger Bildung, mehr Mitgefühl”

  1. Auceza sagt:

    Ob der Zusammenhang zwischen Bildung und Empathiefähigkeit beziehungsweise sozialem Status und Empathiefähugkeit so stimmt, mag ich bezweifeln.

    Die Psychologen vergessen immer wieder, dass sie Menschen in einem spezifischen kulturellen Umfeld betrachten. Sie verallgemeinern dann ihre Entdeckungen in unangemessener Weise.

    Es hängt sicherlich sehr stark von den Inhalten der Bildung ab, welche Wirkungen auftreten können.
    Hat sich jemand lange Zeit mit den auf Egozentrik ausgerichteten Wirtschaftswissenschaften befasst oder hat derjenige Medizin studiert???
    Nicht nur die konkreten Bildungsinhalte, sondern auch die in den jeweiligen Disziplinen vorherrschenden Weltbilder können maßgeblich sein.

    Des Weiteren spielt die Art und Weise der Ausbildung eine Rolle. Gegenwärtig wird oftmals auf der Grundlage von Bestrafung und Angst in den abendländischen Gesellschaften ausgebildet, wodurch sich zahlreiche negative Effekte für die Empathiefähigkeit ergeben können.
    Allerdings kann Bildung auch in anderer Weise erfolgen und dann wiederum die Empathiefähigkeit steigern.

    Insgesamt spielen so viele kulturspezifische Faktoren eine wesentliche Rolle, dass ein hochkomplexes Bild entsteht. Da können dann die simplifizierenden Stimulus – Response – Überlegungen beispielsweise im Rahmen der behavoiristischen Psychologie keinen großen Erkenntniswert mehr haben.

    Die Erklärungsversuche der akademischen Psychologie greifen regelmäßig zu kurz und stiften in letzter Konsequenz nur Verwirrung.
    Spätestens wenn eine andere Psychologin eine ähnliche Untersuchung in einem anderen kulturellen Umfeld durchführt, treten plötzlich zahlreiche Ungereimheiten und Paradoxien auf.

    So wird zwar hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen Bildung und Empathiefähigkeit beziehungsweise sozialem Status und Empathiefähigkeit nichts Einsichtiges formuliert, aber es kann nun verstanden werden, warum die Menschen zunehmend psychisch krank werden, obgleich unsere Psychologie so “fortschrittlich” ist.

    Schließlich wird auch klar, warum Psychologen im Schnitt nur eine 50% – Erfolgschance bei ihren Therapien haben. Dies bedeutet schlußendlich, dass es gleichgültig ist, wie ein Psychologe argumentiert oder handelt.

    Mit freundlichem Gruß, Deine Auc ;)

Einen Kommentar schreiben