Aug 16

Autor: Andreas Mojzisch

iStock_000000211109XSmall Ein neuer Blog-Beitrag wäre eine feine Sache. Diese Idee hatte ich vor 3 Monaten. Dann aber hatte ich immer wieder Gründe, warum das gar nicht so dringend ist. Das Wetter war wunderschön, bei meinen Eltern war ich schon lange nicht mehr zu Besuch, und außerdem musste der Rasen mal wieder gemäht werden. Mit der Zeit wurde mein schlechtes Gewissen immer größer, aber fertig ist mein Blog-Beitrag noch immer nicht. Psychologen bezeichnen diese Aufschieberitis als Prokrastination. Ganz egal, wie man dieses Problem nennt: Ich bin nicht alleine. Die Ergebnisse repräsentativer Umfragen zeigen, dass mindestens 15-20% aller Menschen unter diesem Problem leiden. Gerade bei Studierenden, Wissenschaftlern und Selbständigen ist Prokrastination weit verbreitet, schließlich wird nur selten kontrolliert, wann sie arbeiten.

Obwohl Prokrastination ein weit verbreitetes Phänomen ist, beschäftigt sich die psychologische Forschung erst seit kurzem damit. Im Mittelpunkt der Forschung steht dabei häufig die folgende Frage: Ist Prokrastination so etwas wie ein Persönlichkeitsmerkmal oder sind eher bestimmte Aufgaben bzw. Situationen schuld, die uns zu Prokrastination verleiten? Letztlich trifft beides zu: Prokrastination tritt bei einigen Menschen über viele Jahre immer wieder auf und kann insofern als Teil ihrer Persönlichkeit betrachtet werden. Andererseits gibt es typische Aufgaben, die besonders zum Aufschieben einladen.

Im Einzelnen zeigen die Forschungsergebnisse, dass Männer häufiger betroffen sind als Frauen und Prokrastination mit zunehmendem Alter immer seltener auftritt. Die Annahme, dass Perfektionismus zu Prokrastination führt, gilt als widerlegt. Wenn überhaupt, dann findet sich Prokrastination bei eher weniger perfektionistischen Menschen. Darüber hinaus zeigen die Forschungsergebnisse, dass Prokrastination vor allem bei Menschen auftritt, die wenig Selbstvertrauen haben, leicht ablenkbar, schnell gelangweilt und wenig leistungsmotiviert sind. Zu den Aufgaben, die Prokrastination begünstigen, zählen vor allem Dinge, die wir ungern erledigen. Außerdem spielt es eine wichtige Rolle, wann ein Feedback für das Erledigte zu erwarten ist. Je weiter die Folgen in die Zukunft fallen, desto wahrscheinlicher wird die Arbeit aufgeschoben.

Zwei aktuelle Studien zeigen, wie sich die Aufschieberitis in den Griff bekommen lässt: Folgt man der Studie von Sean McCrae und Kollegen, so spielt es eine entscheidende Rolle, dass man möglichst konkret über die zu erledigende Aufgabe nachdenkt. Ausgangspunkt der Studie (McCrae et al., 2008) war die „Construal Level Theory“. Dieser Theorie zufolge denken Menschen über weit in der Zukunft liegende Situationen und Aufgaben anders nach als über Situationen und Aufgaben, die unmittelbar bevorstehen. Über weit entfernte Aufgaben denkt man demzufolge abstrakt nach. Je näher eine Aufgabe rückt, umso konkreter wird das Denken, d.h. man denkt über die einzelnen Arbeitsschritte der Aufgabe nach. Die Forscher stellten diese Theorie nun auf den Kopf: Ihre Idee war, dass man Menschen dazu veranlassen kann, eine Aufgabe bald zu erledigen, indem man sie dazu bringt, möglichst konkret über sie nachzudenken. Diese Hypothese überprüften die Forscher, indem sie Studierende baten, einen Fragebogen innerhalb von 3 Wochen auszufüllen und per E-mail zurück zu schicken. Die entscheidende Frage war, wie lange sich die Studierenden dafür tatsächlich Zeit ließen. Um den Einfluss des abstrakten vs. konkreten Denkens auf das Aufschieben zu überprüfen, verwendeten die Forscher zwei unterschiedliche Deckblätter für den Fragebogen. Das eine Deckblatt zeigte ein komplettes Gemälde und hatte Titel: „Kunst & Farbe: Ein allgemeiner Überblick“. Dieses Deckblatt sollte eine eher abstrakte Denkweise hervorrufen. Das Deckblatt, das die andere Gruppe der Studierenden erhielt, sollte hingegen eine konkrete Denkweise hervorrufen, indem es einen Ausschnitt eines Gemäldes zeigte, an dem die Maltechnik des Künstlers zu erkennen war. Der Titel dieses Fragebogen lautet: „Kunst & Farbe: Eine detaillierte Untersuchung“. Wie erwartet zeigte sich, dass die Studierenden, die zu abstraktem Denken angeregt wurden, signifikant länger benötigten, um den Fragebogen zurück zu schicken, als Studierende, die zu konkretem Denken gebracht wurden  – und dies, obwohl die beiden Fragebogen als gleich interessant eingeschätzt wurden. Wir können also folgern: Um der Aufschieberitis entgegenzuwirken, müssen wir konkreter über eine Aufgabe nachdenken, z.B. indem wir uns detaillierte Gedanken über die Tätigkeit machen und uns die einzelnen Arbeitsschritte genau vor Augen führen.

In einer anderen Studie (Wohl et al., 2010) wurde die Hypothese überprüft, dass das schlechte Gewissen, das sich häufig im Verlauf des Aufschiebens einer Aufgabe einstellt, das Aufschieben sogar noch weiter verstärkt. Oder anders formuliert: Wenn wir uns dafür „vergeben“, dass wir eine bestimmte Aufgabe einige Zeit vor uns her geschoben haben, dann erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine ähnliche Aufgabe in Zukunft relativ schnell erledigen. Die zugrundeliegende Idee der Studie war, dass das schlechte Gewissen zu negativen Emotionen und zu einer Vermeidungsmotivation führt, die der Erledigung der Aufgabe im Wege steht. Die Forscher überprüften diese Hypothese an Studierenden, die zwei Prüfungen im Abstand von mehreren Wochen absolvieren mussten. Jeweils kurz vor beiden Prüfungen wurden die Studierenden gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. In beiden Fragebögen sollten die Studierenden angeben, wie sehr sie die Vorbereitung der jeweiligen Prüfung aufgeschoben hatten und wie sehr sie deswegen ein schlechtes Gewissen hatten. Darüber hinaus wurde mit einem standardisierten Fragebogen auch die jeweilige Stimmung der Studierenden erhoben. Die Ergebnisse zeigen: Je weniger die Studierenden ein schlechtes Gewissen wegen des Aufschiebens der ersten Prüfungsvorbereitung hatten, desto weniger neigten sie dazu, die Vorbereitung der zweiten Prüfung aufzuschieben.

Zusammenfassend lässt sich folgern: Wir können dem Aufschieben einer Aufgabe entgegenwirken, indem wir konkreter über sie nachdenken und indem wir uns darauf besinnen, dass wir wegen des Aufschiebens kein schlechtes Gewissen haben müssen.

Referenzen:

Wohl, M., Pychyl, T., & Bennett, S. (2010). I forgive myself, now I can study: How self-forgiveness for procrastinating can reduce future procrastination. Personality and Individual Differences, 48 , 803-808

McCrea, S.M., Liberman, N., Trope, Y., and Sherman, S.J. (2008). Construal Level and Procrastination. Psychological Science, 19, 1308-1314.

4 Antworten zu “Die Psychologie des Aufschiebens”

  1. Ulf Reuber sagt:

    Manchmal nervt es mich echt, zu welch einfachen Fragen es wissenschaftliche Studien geben muss. Gibt es keinen gesunden Menschenverstand mehr?

  2. Julia Neuhaus sagt:

    Ach Ulf!!

    Es geht bei den Artikeln von Herrn Mojzisch doch gerade darum Alltagsfragen aus wissenschaftlicher Sicht zu beleuchten und Common Sense zu hinterfragen.

  3. Julia Neuhaus sagt:

    Fest steht, dass es für viele Menschen ein echtes Problem darstellt. Viel Innovation und Umsetzung bleibt genau deshalb ungetan. Und deshalb ist jede Form der Auseinandersetzung hilfreich.

    Dass Kontext und konkrete Auseinandersetzung das Commitment und somit die Motivation erhöhen, verwundert mich nicht. Was ist aber mit Menschen, die zu einem Analyse-Paralyse-Phänomen neigen oder wie das heisst? Und das kommt doch ganz oft eben schon von Perfektionismus oder?

    Auch ein inspirierender Beitrag zum Thema.

    http://karrierebibel.de/gefaehrliche-schiebschaften-45-wege-gegen-prokrastination/

  4. svh sagt:

    … und um es mal ganz ohne Wissenschaft zu beschreiben (ich konnte gerade nicht anders)

    http://www.blog.justhuman.de/2010/08/freitatacheles-aufschieben/

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