Mai 20

Autor: Andreas Mojzisch

witpdf.jpg Dass ein Spaziergang in der Natur der Erholung dient, scheint eine Binsenweisheit zu sein. Doch gibt es wirklich Belege dafür, dass die Natur unser Verhalten und Erleben beeinflusst? Können wir unsere Konzentrationsfähigkeit steigern, wenn wir in der Mittagspause einen Spaziergang im Park unternehmen? Und verhalten wir uns unseren Kollegen gegenüber anders, wenn wir uns in der Natur oder in einer belebten Stadt befinden? Diese Fragen wurden in mehreren aktuellen psycholo­gischen Experimenten untersucht.

In der ersten Studie überprüften Marc G. Berman und seine Kollegen von der University of Michi­gan, ob ein Aufenthalt in der Natur unsere Konzentrationsfähigkeit beeinflusst. Ausgangspunkt war die Unterscheidung zwischen zwei Komponenten der Aufmerksamkeit: Die unwillkürliche Aufmerk­samkeit spielt eine Rolle, wenn unsere Aufmerksamkeit automatisch gesteuert wird, bspw. wenn wir uns umdrehen, weil ein Auto hupt. Die willkürliche Aufmerksamkeit dagegen kommt ins Spiel, wenn wir bewusst unsere Aufmerksamkeit auf etwas richten, zum Beispiel, wenn wir im Straßen­verkehr auf die Verkehrsschilder achten. Die Autoren der Studie nahmen an, dass städtische Um­gebungen beide Aufmerksamkeitskomponenten sehr stark strapazieren. Natürliche Umgebungen dagegen beanspruchen die unwillkürliche Aufmerksamkeit etwas weniger und bedürfen nahezu überhaupt keiner willkürlichen Aufmerksamkeit. Mit anderen Worten: In der Natur lassen wir un­sere Aufmerksamkeit ganz entspannt schweifen und müssen uns auf nichts aktiv konzentrieren. Daher postulierten die Autoren, dass sich unsere willkürliche Aufmerksamkeit in der Natur besser erholt als in einer städtischen Umgebung.

Zur Überprüfung dieser Annahme musste die Probanden des Experiments zuerst eine Konzentrati­onsaufgabe durchführen, bei der sie mehrere Zahlenreihen rückwärts wiederholen mussten. Um diese Aufgabe erfolgreich zu bewältigen, ist ein hoher Grad an willkürlicher Aufmerksamkeitssteu­erung erforderlich. Danach sollten die Probanden einen knapp einstündigen Spaziergang absolvie­ren, und zwar entweder durch ein belebtes Stadtgebiet oder durch ein ruhiges Waldgebiet. Danach mussten die Probanden erneut die Konzentrationsaufgabe durchführen. Die Ergebnisse zeigten, dass nur der Waldspaziergang die Konzentrationsfähigkeit verbesserte. In einem zweiten Experi­ment der Forschergruppe zeigte sich der gleichen Effekt, wenn die Probanden zwischen zwei Kon­zentrationsaufgaben für jeweils 7 Sekunden entweder 50 Fotos von natürlichen Umgebungen oder von städtischen Umgebungen sahen: Nur bei Betrachtung der Naturfotos zeigte sich eine Verbes­serung der Konzentrationsfähigkeit.

In einer anderen Studie untersuchten Netta Weinstein und ihre Kollegen von der University of Ro­chester, ob sich die Natur auch auf unsere Lebensziele und auf unser tatsächliches Verhalten aus­wirkt. Wie in dem zweiten Experiment der vorherigen Studie sollten die Probanden entweder Fotos von natürlichen Umgebungen oder von städtischen Umgebungen betrachten. Davor und danach sollten die Probanden auf einer Skala von 1-5 angeben, wie wichtig für sie bestimmte Lebensziele sind, darunter Wohlstand und Ruhm („viel Geld verdienen“, „von anderen bewundert werden“) sowie Verbundenheit und Gemeinschaft („intensive Beziehungen mit anderen Menschen führen“, „eine bessere Gesellschaft erreichen wollen“). Die Ergebnisse zeigten, dass die Probanden Verbundenheit und Gemeinschaft als wichtiger einschätzten, wenn sie zuvor die Fotos von natürli­chen Umgebungen betrachtet hatten. Dieser Effekt war umso stärker, je mehr die Probanden ver­sucht hatten, sich intensiv auf die Umgebung zu konzentrieren. In einem weiteren Experiment er­hielten die Probanden fünf Dollar, die sie entweder behalten oder an einen anonymen anderen Pro­banden weitergeben konnten. Dieser andere Proband erhielt in letzterem Fall angeblich fünf weitere Dollar, die er dann dem „Spender“ zurück geben konnte (die Probanden konnte also bestenfalls die fünf Dollar, die sie gespendet hatten, wieder zurück erhalten, aber keinen Gewinn erzielen). Er­staunlicherweise zeigte sich, dass diejenigen Probanden, die zuvor Naturfotos gesehen hatten, häufiger die fünf Dollar weitergaben als diejenigen Probanden, die zuvor Fotos von städtischen Umgebungen gesehen hatten. Eine natürliche Umgebung, so die Idee, macht uns also fürsorglicher und steigert unser Vertrauen in unsere Mitmenschen. Und der gleiche Effekt zeigt sich in einem weiteren Experiment auch dann, wenn das Experiment in einem Labor durchgeführt wurde, in dem es entweder sehr viele oder überhaupt keine Pflanzen gab (d.h. in dem Labor mit den Pflanzen gaben die Probanden die fünf Dollar häufiger weiter als in dem Labor ohne Pflanzen).

Worauf dieser Effekt beruht, ist derzeit noch unklar. Eine mögliche Erklärung, so die Autoren, besteht darin, dass uns die Natur symbolisch von unseren vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen und Zwängen entbindet, die uns voneinander entfremden. Und dies verstärkt den zwischenmenschlichen Zusammenhalt. Diese Erklärung ist aber sehr spekulativ. Daher bedarf es noch weiterer Forschung.

Referenzen:

Berman, M. G., Jonides, J. & Kaplan, S. (2008). The cognitive benefits of interacting with nature. Psychological Science, 19, 1207-1212.

Weinstein, N., Przybylski, A. K. & Ryan, R. M. (2009). Can nature make us more caring? Effects of immersion in nature on intrinsic aspirations and generosity. Personality and Social Psychology Bulletin, 35, 1315-1329.

2 Antworten zu “A walk in the park”

  1. Julia Neuhaus sagt:

    Lieber Herr Mojzisch,

    wieder eine spannende wissenschaftliche Spiegelung von etwas, das eigentlich sooo selbstverständlich scheint.

    Aber da es im Arbeitsalltag so vieler Menschen eben nicht selbstverständlich ist, muss man es zu oft wissenschaftlich begründen und deshalb freue ich mich auch über diesen Artikel wieder wie ein Schnitzel.

    Kluge Unternehmen machen sich solche Erkenntnisse längst zunutze, indem sie solche Formen der Entspannungen bei ihren Mitarbeitern aktiv fördern. Bei Google gibt es z.B. Hunde im Büro als fixen Bestandteil der Unternehmenskultur. Das Streicheln eines (braven) Hundes senkt anscheinend nachweislich den Blutdruck und hilft Stress weiter abzubauen. Und irgendjemand muss ja auch mit denen in den Park :-)

    Waidmann heil!

  2. Andreas Mojzisch sagt:

    Liebe Frau Neuhaus,

    herzlichen Dank für die netten Worte. So selbstverständlich finde ich die Ergebnisse aber gar nicht. Klar – dass ein Spaziergang im Wald erholsam wirkt, ist nicht überraschend. Dass uns der Aufenthalt in der Natur aber prosozialer macht und unser Vertrauen in unsere Mitmenschen steigert, finde ich weit weniger weniger selbstverständlich. Jetzt wäre es spannend zu wissen, durch welche Mechanismen dieser Effekt erklärt werden kann.
    Außerdem: Profitieren alle Menschen von diesem Effekt? Oder vielleicht nur die Stadtmenschen, weil bei diesen der Aufenthalt in der Natur einen starken Kontrasteffekt hat?
    Und zum Thema Hund: Leider gehen sehr viele Menschen mit ihren Hunden überhaupt nicht mehr in den Park oder Wald. So zumindest meine Beobachtung. Und wenn ich mit meinem Hund bei Regen oder Kälte im Englischen Garten spazieren gehe, dann habe ich oft den Eindruck, als gäbe es in München überhaupt keine Hunde ….

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