Autor: Eiko Fried
Jeder von uns kennt dieses Phänomen: man steht in einer Galerie, sitzt im Theater, oder hört im Radio ein Musikstück, und fragt sich, was der Künstler wohl mit seinem Kunstwerk zum Ausdruck bringen möchte.
Auf diese Fragestellung möchte ich im folgenden Artikel kurz eingehen.
Konstruktivismus, Evolution und Wahrnehmung
Man kann unterschiedliche Standpunkte auf der breiten Skala des im Solipsismus endenden Konstrukivismus einnehmen. Je nach Positionierung liegt die Schwierigkeit, einem anderen Menschen erfolgreich Gedanken und Gefühle (oder im weiteren Sinne: Zustände) zu übermitteln, irgendwo zwischen „einer großen Herausforderung“ und „einem unmöglich Unterfangen“.
(A) Der Sender muss sich (1) bewusst machen, was er ausdrücken möchte, und (2) die Botschaft in ein bestimmtes Medium übersetzen. Beim Medium Sprache beispielsweise muss es in in Worte gefasst werden, was Schwierigkeiten bereiten kann, da sich Gefühle vielleicht nicht immer ökologisch valide mit Begrifflichkeiten ausdrücken lassen, oder weil kein Zugriff auf un/-vorbewusste Gefühle erfolgt.
(B) Der Empfänger muss nun die Inhalte (1) wahrnehmen und (2) verarbeiten – dabei sind beide Prozesse sehr fehleranfällig. Schlussendlich wird im Kopf des Rezipienten etwas entstehen, was vielleicht nur noch sehr wenig mit dem ursprünglich zu vermittelnden Inhalt oder Zustand des Senders zu tun hat.
Wir müssen uns hierbei vergegenwärtigen, dass der menschliche Wahrnehmungs- und Verarbeitungsapparat, der sich im Laufe der Evolution herausgebildet hat, niemals besonders „realistisch“ oder „objektiv“ sein musste; wir begehen oftmals sogar systematische Fehler, da sich dies für unsere Vorfahren als adaptiv erwiesen hat.
(Für die Interessierten: siehe z.B. Joseph LeDoux, Evolutionäre Psychologie, Spezifische Phobien, Psychologische Heuristiken)
Kunst als Medium
Und auch wenn wir die Sprache oft als Medium für Botschaften einsetzen, viel häufiger gebrauchen wir Mimik und Gestik (die wir in den meisten Fällen gar nicht bewusst einsetzen). Allerdings kann auch die Kunst Ausdrucksform sein, eine Möglichkeit also, irgendetwas aus einem Kopf hinaus auszudrücken, auszudrucken, so in die sichtbare Welt hineinzubringen, dass es von anderen wahrgenommen und verarbeitet werden kann.
Bei der Fotografie beispielsweise wird auf einen Apparat zurückgegriffen, der im Regelfall so konstruiert ist, dass er eine dem Menschen möglichst ähnliche „Wahrnehmung“ besitzt. In diesem Kontext wird offensichtlich, dass die weit verbreitete implizite Annahme, Fotografie würde bzw. müsse (im Gegensatz zu anderen Kunstformen) „die Realität abbilden“, falsch sein muss – obschon dies sicherlich in einem gewissen Rahmen versucht werden kann.
Andreas Gursky fasst diesen Punkt sehr schön zusammen:
“Es ist ein grundlegendes Missverständnis, dass man Fotografie dazu verdammt, Abbild der Wirklichkeit zu sein. […] Wirklichkeit ist überhaupt nur darzustellen, indem man sie konstruiert.”
Fazit
Unterm Strich werden einige Fragen aufgeworfen.
Ist es wirklich die reine Begabung für ein Handwerk, die sehr gute Künstler von guten Künstlern unterscheidet?
Machen die „Konsumenten“, also die Rezipienten, die Wahrnehmenden der Kunst einen großen Teil des Prozesse aus? Sind die besonderen Künstler vielleicht gerade diejenigen, die über den Tellerrand der eigenen Biografie und Persönlichkeit zu blicken vermögen und ein Gespür für den komplizierten, konstruktivistischen Ablauf von Stimulus, Wahrnehmung und Verarbeitung haben? Oder ist es vielmehr so, dass man sich durch diesen Weitblick abhängig vom Diktat der Masse macht, und die Möglichkeit verliert, wirklich eigene Kunst zu schaffen?
Was will uns der Künstler also damit sagen?
10. März 2009 um 10:55
Grundsätzlicher stellt sich für mich die Frage, ob ein Kunstwerk ohne Künstler möglich ist? Ein Objekt; z. B.: eine Fotografie ist Kunstwerk, weil es in den Augen der BetrachterIn dazu erklärt wird oder ist es als Kunstwerk schon gesetzt, indem die KünstlerIn behauptet, das es ein Kunstwerk ist? Und gibt es den temporären Künstler, dem quasi teilweise und gelegentlich ein Kunstwerk glückt oder gibt es eben nur die KünstlerIn, die eine Identitätsaussage treffen und ab dem Moment ist jedes Werk ein Kunstwerk? Ich habe leider noch keine wirklichen Antworten gefunden und freue mich über den Dialog: Ist Kunst ein Phänomen der Wahrnehmung und daraus konstituierender Bedingungen oder ist Kunst eine Identitätsaussage?
14. Mai 2009 um 13:48
… nun ja, grundsätzlich erscheint es hilfreich, etwas zu definieren. Ist es hilfreich zu definieren, die Schönheit “liegt” in den Augen des Betrachters/der Betrachterin? Das gäbe uns zunächst die Verantwortung für unsere Bedeutungszuschreibungen zurück. Prima. Im Idealfall wirbt die Kunst als Phänomen dann also für diese Selbstermächtigung auf allen Seiten. Im Zusammenhang der Kunst wirkt die Frage nach “Qualität” (gut, besser, sehr gut, ganz besonders, etc.) meist autoritär und ausgrenzend. Mir erscheint es hilfreicher von “energievoll” zu sprechen. Das kann dann “experimentell” auch beinhalten, eine Sache, ein Kunstwerk, eine künstlerische Aktion, über eine Beobachtungsphase hin nur als verstörend, irritierend, bezuglos, kriterienlos etc. zu belassen – wenn das Beispiel zumindest “energievoll” ankommt. Bei Kunst und KünstlerInnen könnte es auch um Zeitspannen= Erfahrungs- und Wahrnehmungsspannen gehen. Dann wäre es hilfreich, seiner eigenen Einstellung immer wieder mal liebevolle Beobachtungsintervalle dieser Art einzuräumen. Das geht sicher nur gelegentlich (als Kunstbetrachtung), soll aber belebende und entfaltende Ergebnisse bieten.
Falls die obigen Fragen das “Funktionieren” von Kunst und KünstlerInnen aufdecken wollen, bietet sich hiermit eine zusätzliche Bewusstseinsebene an, die einen anderen “Rahmen” anbietet: Eigene Biografie, Wertebefragungen, Aushalten von Mehrdeutigkeiten, in Betracht nehmen des Fremden als eventuell auch fremd Bleibendes, Respekt, Neugierde, “Seelenreife”.
siehe dazu auch Erhellendes unter „Interviewexzellenz durch kompetenzbasierte Evaluation“. Von dort kam ich gerade hier herüber! unter http://www.blog.justhuman.de/2009/03/elisabeth-jacobs-jahrreis-interviewexzellenz-durch-kompetenzbasierte-evaluation/