Autor: Julia Neuhaus
Hotelzimmer. Nacht. Partner zuhause. Grad kein Partner. Strategieprozess läuft auf vollen Touren…langer Tag. Auf der Suche nach einem Anker. Trouble-Shooting. Excel-Tabelle fertig. Beckmann, Kerner, Harald Schmidt, Frauentausch, Klitschko, Homs. Schnipsel von Realität. Stop. Wo ist der Bogen? Auf welcher Reise bin ich? Habe ich jemals über wirkliche Freiheiten nachgedacht? Gehört das zum Tagesgeschäft?
Ja. Natürlich denke ich über so etwas nach. Einmal zum Beispiel ganz besonders: mit Captain Willard und Colonel Kurtz. Apocalypse Now Redux. Francis Ford Coppolas Reise ins Herz der Finsternis. Was für ein Film. Eine Suche nach Antworten, auf 47 Ebenen gleichzeitig, ohne Rücksicht auf eine vermeintliche Pointe. Wie dieses Leben. Die Horizonte des Mensch-Seins destilliert auf Zelluloid, ein Film der einen Unterschied macht. Man kann nicht der- oder dieselbe sein, nachdem man diesen Film gesehen hat. Zu tief brennen sich die Bilder, die poetische Wucht des stattfindenden sinnlichen Aufreibens und Werdens in die Seele. Dschungel, atemberaubende Schönheit, Krieg, monumentale Dunkelheit, die Bootsreise flussaufwärts ins eigene Ich. Hin zum Ursprung der Dinge. Es geht eben darum, den Ort aufzusuchen, wo alles anfängt, obwohl der Film vom Ende erzählt. Wie bei Kafka. Man wird gezwungen ein Stück zu begreifen, vom Mensch-Sein und was es bedeutet, hell wie dunkel. Die Entstehung des Films selbst wurde für alle Beteiligten zu einer archetypischen Heldenreise, Francis Ford Coppola hat seine wirtschaftliche Existenz in aller Konsequenz eingesetzt, Martin Sheen ist fast an einem Herzinfarkt zugrunde gegangen, das Film-Team kämpfte unglaubliche 237 Drehtage auf den Philippinen mit den Wirren von Unwetter, Bürgerkrieg, Geldknappheit und den physischen und psychischen Konditionen, die eine solche Geschichte in die Herzen der Menschen spiegelt, die sich in ihren Dienst stellen. In der Dokumentation "Hearts of Darkness – A Filmmakers Apocalypse", die vor kurzem auch in Deutschland erschienen ist, wird diese Geschichte hinter dem Film eindrücklichen erzählt. Rüdiger Suchsland von der FAZ sagt darüber: „Hearts of Darkness“ ist ein intimer, sensationell enthüllungsreicher Film, gespickt mit vielen Anekdoten; zugleich eine Grundsatzreflexion des modernen Filmemachens."
Filme können ein großes Dokument menschlichen Unternehmens und Werdens sein. Leben und Film, zwei Kräfte, die sich im schönsten Fall bedingen und erweitern. Als Zuschauer profitiere ich, indem ich ein Stück Leben unterm Brennglas sehen darf, das vielleicht meinen Horizont betrifft. Das mich zum Lachen, Weinen, Wüten, Denken, Fühlen und Wachsen bringt. Im Kino dürfen wir den großen Bogen abtasten und lernen. Und erfahren unweigerlich wieder mehr darüber, welche Geschichte wir selbst aus dieser Resonanz erzählen wollen. Vielleicht wird ja auch irgendwann ein Film daraus.
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